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Sterilität – was bedeutet das bei Pflegeprodukten?

Der Begriff „steril“ wird bei Piercingpflege, Wundversorgung und Medizinprodukten häufig verwendet.

Dabei entstehen schnell Missverständnisse.

Besonders wichtig ist:

„Steril“ beschreibt den mikrobiologischen Zustand eines Produktes oder Gegenstandes.

Es sagt nicht automatisch:

  • dass das Produkt antiseptisch wirkt,
  • dass es Mikroorganismen auf der Haut abtötet,
  • dass es ein Medizinprodukt ist,
  • dass es für jedes Piercing geeignet ist.

Diese Punkte müssen getrennt betrachtet werden.

Was bedeutet steril?

Steril bedeutet, dass ein Produkt nach einem geeigneten und validierten Verfahren so aufbereitet wurde, dass keine vermehrungsfähigen Mikroorganismen mehr vorhanden sein sollen.

Zur Sterilisation gehören Verfahren, die auf die Eliminierung beziehungsweise Inaktivierung sämtlicher lebensfähiger Mikroorganismen einschließlich besonders widerstandsfähiger Formen wie bakterieller Sporen ausgerichtet sind.

In der Praxis wird Sterilität nicht dadurch festgestellt, dass jedes einzelne Produkt auf absolute Keimfreiheit untersucht wird.

Stattdessen wird ein validierter Sterilisationsprozess verwendet.

Bei sterilen Medizinprodukten wird die Sicherheit des Sterilisationsprozesses über definierte Verfahren und Qualitätsanforderungen abgesichert.

Sterilität ist nicht dasselbe wie Desinfektion

Desinfektion und Sterilisation sind unterschiedliche Verfahren.

Bei einer Desinfektion wird die Zahl krankheitserregender Mikroorganismen stark reduziert beziehungsweise werden viele davon inaktiviert.

Eine Desinfektion garantiert jedoch nicht die vollständige Eliminierung aller mikrobiellen Lebensformen.

Eine Sterilisation geht weiter.

Vereinfacht:

Reinigung

→ entfernt Verschmutzungen und Mikroorganismen mechanisch

Desinfektion

→ reduziert beziehungsweise inaktiviert viele Krankheitserreger

Sterilisation

→ zielt auf die Eliminierung aller vermehrungsfähigen Mikroorganismen einschließlich widerstandsfähiger Sporen

Steril bedeutet nicht antiseptisch

Das ist für Piercingpflege besonders wichtig.

Eine sterile Flüssigkeit enthält bei ungeöffneter und intakter Verpackung keine vermehrungsfähigen Mikroorganismen entsprechend dem validierten Herstellungsprozess.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass diese Flüssigkeit Mikroorganismen auf der Haut oder im Stichkanal abtötet.

Beispiel:

Sterile Kochsalzlösung NaCl 0,9 %

kann steril bereitgestellt werden.

Sie besitzt jedoch keine relevante antiseptische Wirkung.

Ihre Hauptfunktion bei der Piercingpflege ist vor allem:

  • Spülen,
  • Befeuchten,
  • Einweichen,
  • mechanisches Entfernen von Sekret und Ablagerungen.

Siehe:

Sterile Kochsalzlösung NaCl 0,9 %

Reinigend oder antiseptisch?

Antiseptisch bedeutet nicht automatisch steril

Auch umgekehrt gilt:

Ein Produkt kann eine antimikrobielle oder antiseptische Wirkung besitzen, ohne selbst allein aufgrund dieser Eigenschaft als „steril“ bezeichnet werden zu können.

Die Begriffe beschreiben unterschiedliche Eigenschaften:

steril

→ mikrobiologischer Zustand des Produktes

antiseptisch

→ Wirkung gegen Mikroorganismen auf lebendem Gewebe

Steril bedeutet nicht automatisch Medizinprodukt

Auch diese Begriffe dürfen nicht gleichgesetzt werden.

Ein Produkt kann steril sein, ohne allein dadurch ein Medizinprodukt zu sein.

Die rechtliche Einordnung hängt unter anderem von:

  • Zweckbestimmung,
  • Wirkprinzip,
  • Produktart,
  • Herstellerangaben

ab.

Umgekehrt ist auch ein Medizinprodukt nicht automatisch steril.

Ob ein Medizinprodukt steril bereitgestellt wird, muss für das konkrete Produkt geprüft werden.

Siehe:

Grundlagen zu Pflegeprodukten

Zweckbestimmung von Produkten

Wie erkennt man ein steril bereitgestelltes Produkt?

Bei Medizinprodukten muss die sterile Bereitstellung entsprechend gekennzeichnet sein.

Auf der Verpackung können sich beispielsweise Angaben befinden zu:

  • sterilem Zustand,
  • Sterilisationsverfahren,
  • Verfallsdatum,
  • Chargennummer,
  • Hersteller.

Entscheidend ist die originale Kennzeichnung des Herstellers.

Nicht ausreichend ist allein eine Händlerbeschreibung wie:

„hygienisch“

oder:

„keimarm“.

Was passiert beim Öffnen einer sterilen Verpackung?

Die sterile Barriere schützt das Produkt bis zur Verwendung.

Sobald eine Verpackung geöffnet wird, kann das Produkt mit:

  • Händen,
  • Luft,
  • Oberflächen,
  • Gegenständen,
  • Haut

in Kontakt kommen.

Dadurch kann eine Kontamination entstehen.

Deshalb bedeutet:

„war steril verpackt“

nicht:

„bleibt nach dem Öffnen dauerhaft steril“.

Einmalampullen und sterile Kochsalzlösung

Einmalampullen sind für die Piercingpflege besonders praktisch.

Solange die:

  • Ampulle ungeöffnet,
  • Verpackung intakt,
  • Haltbarkeit nicht überschritten

ist, bleibt der vorgesehene sterile Zustand erhalten.

Nach dem Öffnen kann der Inhalt jedoch kontaminiert werden.

Deshalb sollten Einmalbehältnisse nicht über längere Zeit offen aufbewahrt und wiederholt verwendet werden.

Mehrfachbehältnisse

Bei größeren Behältnissen hängt die sichere Verwendung von der Konstruktion und der Herstellerangabe ab.

Wichtig ist beispielsweise:

  • ob das Behältnis für Mehrfachentnahmen vorgesehen ist,
  • wie lange es nach Anbruch verwendet werden darf,
  • ob ein Rückfluss verhindert wird,
  • wie die Entnahme erfolgen soll.

Hier sollte die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Produktes beachtet werden.

Beschädigte Verpackung

Bei steril bereitgestellten Produkten ist die Unversehrtheit der Verpackung wesentlich.

Ist die sterile Barriere:

  • eingerissen,
  • durchlöchert,
  • geöffnet,
  • undicht

oder anderweitig beschädigt, sollte nicht mehr davon ausgegangen werden, dass der deklarierte sterile Zustand sicher erhalten geblieben ist.

Bei Medizinprodukten, die steril geliefert werden, muss die Verpackung so ausgelegt sein, dass die Sterilität bis zur Öffnung erhalten bleibt, solange die sterile Barriere unbeschädigt ist. :chatgpt-content-reference{index=„0“}

Was bedeutet Sterility Assurance Level?

Bei industrieller Sterilisation wird Sterilität probabilistisch abgesichert.

Häufig wird dafür der Begriff:

Sterility Assurance Level – SAL

verwendet.

Ein häufig verwendeter Wert ist:

10⁻⁶

Das bedeutet vereinfacht:

Die Wahrscheinlichkeit, dass nach einem validierten Sterilisationsprozess noch ein lebensfähiger Mikroorganismus auf einer Produkteinheit vorhanden ist, liegt höchstens ungefähr bei eins zu einer Million.

Das zeigt auch:

Sterilität wird in der Praxis über einen validierten Prozess und eine definierte Wahrscheinlichkeit abgesichert – nicht dadurch, dass jedes einzelne Produkt vollständig mikrobiologisch untersucht wird. :chatgpt-content-reference{index=„1“}

Was bedeutet steril für die Piercingpflege?

Für ein frisches Piercing kann die Verwendung eines steril bereitgestellten Produktes sinnvoll sein, weil dadurch keine zusätzlichen Mikroorganismen aus dem Produkt eingebracht werden sollen.

Das gilt besonders für Produkte, die unmittelbar an:

  • Stichkanal,
  • frisches Heilungsgewebe,
  • Wundbereich

gelangen.

Trotzdem gilt:

Sterilität allein macht ein Produkt noch nicht geeignet.

Zusätzlich müssen geprüft werden:

  • Zweckbestimmung,
  • Inhaltsstoffe,
  • Verträglichkeit,
  • Anwendungsgebiet.

Ist Leitungswasser steril?

Nein.

Trinkwasser muss hygienischen Anforderungen entsprechen, ist aber nicht steril.

Es kann geringe Mengen von Mikroorganismen enthalten.

Das bedeutet nicht automatisch, dass Leitungswasser gesundheitsschädlich ist.

Für eine gezielte sterile Spülung ist es jedoch nicht mit einer steril bereitgestellten Lösung gleichzusetzen.

Ist abgekochtes Wasser steril?

Nicht automatisch.

Abkochen kann viele Mikroorganismen stark reduzieren beziehungsweise abtöten.

Damit wird aber nicht automatisch ein validierter Sterilisationsprozess erreicht.

Zusätzlich kann Wasser beim:

  • Abkühlen,
  • Umfüllen,
  • Lagern

erneut kontaminiert werden.

Deshalb ist selbst hergestelltes Salzwasser nicht gleichwertig mit einer industriell steril bereitgestellten Kochsalzlösung.

Selbst gemischte Salzlösung

Eine selbst hergestellte Mischung aus Wasser und Salz hat mehrere mögliche Probleme:

  • Konzentration möglicherweise ungenau,
  • Ausgangswasser nicht steril,
  • Gefäß möglicherweise kontaminiert,
  • Lagerung möglicherweise ungeeignet,
  • erneute Kontamination nach Herstellung.

Für die Piercingpflege ist eine fertig hergestellte sterile NaCl-Lösung deshalb besser kontrollierbar.

Sterilität ersetzt keine Hygiene

Auch bei einem sterilen Produkt können während der Anwendung Mikroorganismen übertragen werden.

Zum Beispiel durch:

  • ungewaschene Hände,
  • Berühren der Austrittsöffnung einer Ampulle,
  • Berühren einer Sprühdüse mit der Haut,
  • kontaminierte Wattestäbchen oder Kompressen,
  • Ablegen von Material auf unsauberen Oberflächen.

Deshalb gilt:

Ein steriles Produkt kann durch unsachgemäße Anwendung kontaminiert werden.

Muss jedes Pflegeprodukt steril sein?

Nein.

Ob Sterilität erforderlich oder sinnvoll ist, hängt von:

  • Zweckbestimmung,
  • Anwendungsart,
  • Körperregion,
  • Zustand des Gewebes,
  • Produktkategorie

ab.

Für die direkte Spülung eines frischen Piercingkanals ist eine steril bereitgestellte Lösung jedoch gut kontrollierbar und hygienisch sinnvoll.

Der wichtigste Grundsatz

Drei Begriffe dürfen nicht miteinander verwechselt werden:

Steril

→ Zustand des Produktes

Antiseptisch

→ Wirkung gegen Mikroorganismen auf lebendem Gewebe

Medizinprodukt

→ rechtliche Produktkategorie mit bestimmter medizinischer Zweckbestimmung

Ein Produkt kann beispielsweise:

steril + Medizinprodukt + nicht antiseptisch

sein.

Sterile Kochsalzlösung ist dafür ein typisches Beispiel.


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