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produkte:phmb_betain

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PHMB und Betain bei Piercing- und Wundpflege

PHMB und Betain werden in verschiedenen Wund- und Piercingpflegeprodukten kombiniert.

Bekannte Beispiele sind:

  • Prontolind,
  • Prontosan.

Beide Stoffe erfüllen unterschiedliche Aufgaben:

PHMB / Polyhexanid

→ antimikrobielle Wirkung

Betain

→ oberflächenaktive Wirkung, bessere Benetzung und Unterstützung bei der Ablösung von Belägen und Biofilmstrukturen

Gerade diese Kombination macht PHMB-/Betain-Systeme für schwer zu reinigende, belegte oder biofilmverdächtige Wundsituationen interessant.

Was ist PHMB?

PHMB steht für:

Polyhexamethylenbiguanid

und wird häufig auch als:

Polyhexanid

bezeichnet.

PHMB gehört zu den kationischen antimikrobiellen Wirkstoffen.

Das Molekül besitzt positiv geladene Bereiche und kann mit negativ geladenen Strukturen mikrobieller Zellmembranen interagieren.

Dadurch kann die Membran geschädigt und die Zellfunktion gestört werden.

PHMB wird unter anderem eingesetzt in:

  • Wundspüllösungen,
  • Wundgelen,
  • antiseptischen Wundprodukten,
  • bestimmten Piercingpflegeprodukten.

Gegen welche Mikroorganismen wirkt PHMB?

PHMB besitzt ein breites antimikrobielles Wirkungsspektrum.

Untersucht wurde die Wirkung unter anderem gegen:

  • grampositive Bakterien,
  • gramnegative Bakterien,
  • Staphylokokken,
  • Pseudomonas aeruginosa,
  • verschiedene weitere Wundkeime.

Die genaue Wirkung hängt unter anderem ab von:

  • Konzentration,
  • Einwirkzeit,
  • Keimart,
  • organischer Belastung,
  • Biofilm,
  • Produktformulierung.

Was ist Betain?

Betain ist in diesen Produkten ein oberflächenaktiver Bestandteil.

Seine Aufgabe besteht nicht primär darin, Mikroorganismen abzutöten.

Betain kann:

  • die Oberflächenspannung reduzieren,
  • die Benetzung verbessern,
  • Beläge lösen,
  • Wundsekret und Ablagerungen zugänglicher machen,
  • Biofilmstrukturen destabilisieren beziehungsweise deren Entfernung erleichtern.

Dadurch kann die antimikrobielle Wirkung von PHMB unterstützt werden.

Warum ist die Kombination PHMB + Betain interessant?

Biofilm besteht nicht nur aus Mikroorganismen.

Die Mikroorganismen sind in eine selbst gebildete Matrix eingebettet.

Diese Matrix kann enthalten:

  • Polysaccharide,
  • Proteine,
  • Lipide,
  • extrazelluläre DNA,
  • Zellbestandteile.

Dadurch sind die Mikroorganismen teilweise besser geschützt vor:

  • Immunabwehr,
  • mechanischer Reinigung,
  • antimikrobiellen Wirkstoffen.

Betain kann helfen, die Oberfläche und Beläge besser zu benetzen und Biofilmstrukturen zugänglicher zu machen.

PHMB wirkt anschließend antimikrobiell.

Vereinfacht:

Betain hilft beim Lösen.

PHMB hilft beim Reduzieren von Mikroorganismen.

PHMB und Biofilm

Für PHMB gibt es experimentelle und klinische Daten zur Anwendung bei biofilmbelasteten oder chronischen Wunden.

Untersuchungen zeigten unter anderem Wirkungen gegen Biofilme von:

  • Staphylococcus aureus,
  • MRSA,
  • Pseudomonas aeruginosa.

Wichtig:

PHMB beseitigt Biofilm nicht zuverlässig allein und vollständig.

In Studien konnten PHMB-haltige Lösungen die bakterielle Belastung und teilweise Biofilm reduzieren, während in anderen Untersuchungen Biofilm nicht vollständig eliminiert wurde.

Biofilmmanagement besteht deshalb häufig aus mehreren Maßnahmen:

  • mechanische Reinigung,
  • Entfernung von Belägen,
  • gegebenenfalls Debridement,
  • geeignete antimikrobielle Behandlung,
  • Kontrolle der lokalen Ursache.

PHMB/Betain und schwer heilende Wunden

Für die Kombination aus etwa:

0,1 % PHMB + Betain

gibt es Studien und Übersichtsarbeiten aus dem professionellen Wundmanagement.

Beschrieben wurden unter anderem:

  • bessere Wundreinigung,
  • Ablösung von Belägen,
  • Reduktion von Geruch,
  • Reduktion von Exsudat,
  • Verringerung mikrobieller Belastung,
  • Unterstützung der Wundbettvorbereitung.

Wichtig:

Diese Untersuchungen betreffen überwiegend:

  • chronische Wunden,
  • schwer heilende Wunden,
  • professionelle Wundbehandlung.

Sie sind nicht automatisch mit der Pflege eines normalen Piercings gleichzusetzen.

Was bedeutet das für Piercings?

Bei Piercings kann das PHMB-/Betain-Prinzip besonders interessant sein, wenn:

  • hartnäckige Beläge vorhanden sind,
  • Feuchtigkeit länger besteht,
  • Wundsekret schlecht abfließt,
  • schwer zugängliche Hautfalten vorliegen,
  • Biofilm vermutet wird,
  • zusätzlich zur Reinigung eine antimikrobielle Komponente gewünscht wird.

Das kann beispielsweise vorkommen bei:

  • Bauchnabelpiercings,
  • Brustwarzenpiercings,
  • bestimmten Intimpiercings,
  • schlecht belüfteten Hautfalten.

Feuchtigkeit bedeutet nicht automatisch Biofilm

Wärme, Feuchtigkeit und eingeschränkte Belüftung können eine stärkere mikrobielle Besiedlung begünstigen.

Das bedeutet jedoch nicht:

„Jedes feuchte Piercing besitzt Biofilm.“

Biofilm ist eine organisierte mikrobielle Gemeinschaft mit einer extrazellulären Matrix.

Er lässt sich nicht allein anhand von:

  • Feuchtigkeit,
  • Geruch,
  • Belägen

sicher diagnostizieren.

Deshalb sollte der Begriff „Biofilm“ nicht für jede Ablagerung am Piercing verwendet werden.

PHMB ist kein Antibiotikum

PHMB ist ein lokal eingesetzter antimikrobieller Wirkstoff.

Es ist kein systemisches Antibiotikum.

Deshalb ersetzt PHMB bei einer tiefen oder schweren bakteriellen Infektion keine:

  • ärztliche Diagnostik,
  • Kultur,
  • Antibiogramm,
  • systemische Antibiotikatherapie,
  • notwendige Abszessentlastung.

PHMB ist biologisch nicht völlig neutral

PHMB besitzt antimikrobielle Wirkung gerade deshalb, weil es biologische Membranen beeinflussen kann.

Laboruntersuchungen zeigen, dass PHMB abhängig von:

  • Konzentration,
  • Kontaktzeit,
  • Zelltyp

auch menschliche Zellen beeinträchtigen kann.

Untersucht wurden unter anderem:

  • Keratinozyten,
  • Fibroblasten,
  • Osteoblasten,
  • Chondrozyten.

Deshalb sollte PHMB nicht mit einer wirkstofffreien Spüllösung wie NaCl 0,9 % gleichgesetzt werden.

Konzentration und Einwirkzeit sind entscheidend

Die biologische Wirkung eines antiseptischen Stoffes hängt wesentlich davon ab:

  • wie hoch die Konzentration ist,
  • wie lange der Kontakt besteht,
  • welches Gewebe betroffen ist.

Eine kurze oberflächliche Anwendung ist nicht dasselbe wie:

  • lange Einwirkzeit,
  • wiederholte Anwendung,
  • direkter Kontakt mit tieferem Gewebe.

Deshalb lassen sich Laborergebnisse nicht einfach 1:1 auf jede Piercinganwendung übertragen.

In-vitro-Zytotoxizität richtig verstehen

„In vitro“ bedeutet:

Untersuchung an isolierten Zellen unter Laborbedingungen.

Dabei können Zellen einem Wirkstoff:

  • direkt,
  • ohne schützende Gewebeschichten,
  • über definierte Zeiträume

ausgesetzt werden.

Das kann eine deutlich stärkere Exposition darstellen als bei einer normalen Anwendung am Menschen.

Deshalb bedeutet ein zytotoxischer Effekt in vitro nicht automatisch:

„Das Produkt verursacht bei normaler Anwendung Gewebeschäden.“

Er zeigt aber:

Der Wirkstoff kann menschliche Zellen bei entsprechendem Kontakt beeinflussen.

PHMB und Knorpelzellen

Für Piercings durch Knorpel ist dieser Punkt besonders relevant.

In Untersuchungen an primären menschlichen Chondrozyten wurde gezeigt, dass direkter Kontakt mit Polyhexanid:

  • apoptotische Prozesse fördern,
  • die Zellvitalität beeinträchtigen

kann.

Eine Studie untersuchte beispielsweise:

0,04 % Polyhexanid

bei direktem Kontakt mit menschlichen Chondrozyten.

Diese Ergebnisse zeigen:

PHMB ist bei direktem Kontakt mit Knorpelzellen nicht biologisch neutral.

Bedeutet das, dass PHMB bei Knorpelpiercings verboten ist?

Nein.

Aus den Laboruntersuchungen folgt nicht:

„PHMB darf niemals an einem Knorpelpiercing eingesetzt werden.“

Ein normal heilendes Piercing hat andere Gewebeverhältnisse als:

  • eine offene Gelenkfläche,
  • freiliegender Knorpel,
  • experimentell direkt behandelte Chondrozyten.

Deshalb muss zwischen:

normaler äußerlicher Piercingpflege

und

direktem Kontakt mit geschädigtem Knorpelgewebe

unterschieden werden.

Vereitertes Knorpelpiercing

Besondere Vorsicht ist bei einem:

bakteriell infizierten und stark vereiterten Knorpelpiercing

sinnvoll.

Durch:

  • Eiterbildung,
  • starke Entzündung,
  • Gewebeschädigung,
  • Abszessbildung,
  • Perichondritis,
  • Nekrose

kann der Stichkanal erweitert und geschädigt sein.

Dann kann eine Flüssigkeit möglicherweise tiefer in entzündlich veränderte Gewebeschichten gelangen als bei einem unkomplizierten Piercing.

Da PHMB bei direktem Chondrozytenkontakt in vitro schädigende Effekte gezeigt hat, sollte ein PHMB-haltiges Produkt in einer solchen Situation nicht mit dem Ziel:

„möglichst tief in den Stichkanal einbringen“

verwendet werden.

Ein stark vereitertes Knorpelpiercing ist keine normale Pflegesituation und gehört medizinisch beurteilt.

Prontosan und Knorpel

Für Prontosan ist die Situation besonders eindeutig.

Der Hersteller nennt:

hyalinen Knorpel

ausdrücklich als Bereich, auf dem Prontosan nicht angewendet werden soll.

Damit erhält die experimentell beobachtete Chondrozytenschädigung auch eine praktische regulatorische Bedeutung für dieses Produkt.

Siehe:

Prontosan

Prontolind und Knorpel

Bei Prontolind besteht keine identische Hersteller-Kontraindikation wie bei Prontosan.

Trotzdem enthält auch Prontolind PHMB.

Deshalb sollte bei einem:

  • tief vereiterten,
  • stark geschädigten,
  • perichondritischen

Knorpelpiercing nicht unkritisch versucht werden, das Produkt möglichst tief in den Stichkanal einzubringen.

Siehe:

Prontolind

Langzeitanwendung

PHMB-haltige Produkte werden teilweise auch längerfristig angewendet.

Die klinische Wundliteratur beschreibt insgesamt eine vergleichsweise gute Verträglichkeit von PHMB.

Gleichzeitig zeigen Laboruntersuchungen zeit- und konzentrationsabhängige Effekte auf menschliche Zellen.

Daraus folgt nicht:

„PHMB darf nur kurz verwendet werden.“

Aber:

Eine langfristige antimikrobielle Anwendung sollte einen nachvollziehbaren Zweck haben.

Bei einem vollständig abgeheilten, reizfreien Piercing sollte deshalb regelmäßig geprüft werden:

Ist eine dauerhafte antimikrobielle Pflege überhaupt noch notwendig?

Warum „viel hilft viel“ bei PHMB nicht sinnvoll ist

Eine höhere Konzentration oder häufigere Anwendung bedeutet nicht automatisch:

bessere Heilung.

Je intensiver ein antimikrobieller Wirkstoff angewendet wird, desto wichtiger wird das Verhältnis zwischen:

  • antimikrobieller Wirkung
  • und Gewebeverträglichkeit.

Deshalb sollten PHMB-haltige Produkte entsprechend:

  • Zweckbestimmung,
  • Herstelleranweisung,
  • tatsächlicher Situation

verwendet werden.

PHMB und Resistenzen

PHMB wirkt anders als klassische Antibiotika.

Es greift insbesondere mikrobielle Membranstrukturen an.

Die Problematik klassischer Antibiotikaresistenzen lässt sich deshalb nicht direkt auf PHMB übertragen.

Trotzdem sollte auch ein antiseptischer Wirkstoff nicht ohne Grund dauerhaft eingesetzt werden.

Antimikrobielle Produkte sollten immer gezielt verwendet werden.

PHMB nicht mit anionischen Tensiden kombinieren

PHMB ist kationisch geladen.

Anionische Tenside können mit kationischen Wirkstoffen interagieren und deren Wirkung vermindern.

Deshalb nennen Hersteller PHMB-haltiger Produkte häufig Inkompatibilitäten mit:

  • anionischen Tensiden,
  • bestimmten Seifen,
  • Reinigungsprodukten.

Produkte sollten deshalb nicht ungeprüft miteinander kombiniert werden.

Siehe:

Pflegeprodukte miteinander kombinieren?

Betain und Biofilm

Betain wird häufig vereinfacht als:

„Biofilmlöser“

bezeichnet.

Fachlich präziser ist:

Betain ist ein Tensid, das:

  • die Oberflächenspannung reduziert,
  • die Benetzung verbessert,
  • Ablagerungen und Biofilmstrukturen zugänglicher machen kann.

Betain allein ist nicht mit einem klassischen Antiseptikum gleichzusetzen.

Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass es die mechanische und antimikrobielle Reinigung unterstützen kann.

PHMB/Betain oder Kochsalzlösung?

Beide erfüllen unterschiedliche Aufgaben.

NaCl 0,9 %

  • einfache mechanische Reinigung,
  • Einweichen,
  • Spülung,
  • keine relevante antimikrobielle Wirkung.

PHMB/Betain

  • Reinigung,
  • Benetzung,
  • antimikrobielle Wirkung,
  • Unterstützung beim Biofilmmanagement.

Bei einem normalen, unkompliziert heilenden Piercing kann NaCl ausreichend sein.

Ein PHMB-/Betain-System kann dann interessant sein, wenn zusätzlich eine antimikrobielle oder biofilmbezogene Wirkung sinnvoll erscheint.

Schnellübersicht

Eigenschaft PHMB Betain
antimikrobielle Wirkung ja nicht primäre Aufgabe
Benetzung indirekt ja
Ablösung von Belägen begrenzt unterstützt
Biofilmmanagement antimikrobieller Anteil unterstützt Ablösung / Zugänglichkeit
klassisches Antibiotikum nein nein
völlig biologisch inert nein nein
mögliche Relevanz bei Knorpel bei direktem Chondrozytenkontakt beachten keine vergleichbare zentrale Problematik bekannt

Der wichtigste Grundsatz

PHMB und Betain sind keine zwei austauschbaren Wirkstoffe.

Sie ergänzen sich:

Betain verbessert Reinigung und Benetzung.

PHMB liefert die antimikrobielle Wirkung.

Gerade beim Biofilmmanagement kann diese Kombination sinnvoll sein.

Gleichzeitig ist PHMB kein biologisch neutraler Stoff.

Besonders bei:

  • tiefen Gewebeschäden,
  • stark vereiterten Knorpelpiercings,
  • Perichondritis,
  • direkter Knorpelbeteiligung

sollte die Anwendung kritisch beurteilt und die zugrunde liegende Erkrankung medizinisch behandelt werden.


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