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knorpel:knorpelschaedigung

Knorpelschädigung bei Ohrpiercings

Knorpelpiercings verlaufen durch Gewebe, das sich deutlich von weichem Haut- und Fettgewebe unterscheidet.

Ohrknorpel ist nur gering direkt durchblutet und wird wesentlich über das angrenzende Perichondrium – die Knorpelhaut – versorgt.

Dadurch kann der Knorpel empfindlicher auf:

  • starken oder lang anhaltenden Druck,
  • wiederholte mechanische Belastung,
  • Verletzungen,
  • Hämatome,
  • Abszesse,
  • schwere Entzündungen

reagieren.

Eine Knorpelschädigung bedeutet dabei nicht automatisch, dass das Piercing verloren geht.

Entscheidend sind:

  • Ausmaß der Schädigung,
  • betroffene Gewebeschichten,
  • verbleibende Gewebedicke,
  • Position des Stichkanals,
  • mechanische Belastung
  • und mögliche zusätzliche Entzündungen.

Wird der Knorpel bereits beim Piercen verletzt?

Ja.

Ein Piercing durch Knorpel ist immer eine kontrollierte Verletzung.

Die Nadel durchdringt unter anderem:

  • Haut,
  • Bindegewebe,
  • Perichondrium,
  • Knorpel,
  • gegenüberliegendes Perichondrium,
  • gegenüberliegende Haut.

Histologische Untersuchungen an durchstochenem Ohrknorpel zeigen, dass unmittelbar am Stichkanal:

  • das Perichondrium teilweise vom Knorpel abgelöst werden kann,
  • kleine Knorpelfrakturen auftreten können,
  • kleine Knorpelfragmente entstehen können.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Knorpelpiercing dadurch krankhaft geschädigt wird.

Solche lokalen Verletzungen gehören zunächst zum mechanischen Trauma des Piercens.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn zusätzliche Belastungen hinzukommen.

Wann wird aus einer normalen Verletzung eine relevante Knorpelschädigung?

Eine klinisch relevante Schädigung kann entstehen, wenn das Gewebe nicht nur punktuell verletzt, sondern über längere Zeit weiter belastet oder zusätzlich entzündet wird.

Mögliche Ursachen sind:

  • anhaltender Druck,
  • wiederholter Zug,
  • starke Hebelkräfte,
  • ungünstige Schmuckposition,
  • dauerhafte Winkelspannung,
  • wiederholtes Anstoßen,
  • schwere Infektion,
  • Abszess,
  • Hämatom,
  • Verlust der Verbindung zwischen Perichondrium und Knorpel.

Warum ist die Verbindung zwischen Perichondrium und Knorpel wichtig?

Der Knorpel selbst besitzt keine normale eigene Blutgefäßversorgung wie viele andere Gewebe.

Seine Versorgung erfolgt wesentlich durch Diffusion aus dem angrenzenden Perichondrium.

Wird das Perichondrium vom Knorpel abgehoben oder beschädigt, kann die Versorgung des darunterliegenden Knorpels beeinträchtigt werden.

Das ist besonders relevant bei:

  • Hämatomen,
  • Abszessen,
  • schweren Verletzungen,
  • ausgeprägter Perichondritis.

In schweren Fällen kann Knorpelgewebe dadurch zugrunde gehen.

Siehe:

Perichondritis

Knorpelnekrose

Mechanische Knorpelschädigung

Mechanische Schäden entstehen nicht nur durch einen einzelnen starken Unfall.

Auch wiederholte kleinere Belastungen können problematisch sein.

Typische Beispiele sind:

  • Schlafen auf dem Piercing,
  • wiederholtes Hängenbleiben,
  • Druck durch Kopfhörer oder Helme,
  • zu kurzer Schmuck,
  • zu langer Schmuck mit starker Hebelwirkung,
  • dauerhafte seitliche Spannung.

Dabei wird der Schmuck immer wieder gegen denselben Bereich gedrückt.

Das kann zu:

  • chronischer Reizung,
  • Umbau des umliegenden Gewebes,
  • Veränderung der Gewebebrücke,
  • Verlust von Stabilität

führen.

Weitere Informationen:

Druck, Zug und mechanische Belastung

Entzündlich bedingte Knorpelschädigung

Eine zweite wichtige Ursache ist eine stärkere Infektion.

Besonders problematisch ist eine Infektion des Perichondriums.

Diese wird als:

Perichondritis

bezeichnet.

Bildet sich zusätzlich ein Abszess, kann sich Eiter zwischen Perichondrium und Knorpel ansammeln.

Das Perichondrium kann dadurch vom Knorpel abgehoben werden.

Die Versorgung des Knorpels kann dadurch beeinträchtigt werden.

Mögliche Folgen sind:

  • Knorpeldegeneration,
  • Knorpelnekrose,
  • dauerhafte Formveränderung,
  • Verlust von tragendem Gewebe.

Siehe:

Perichondritis

Abszessbildung am Knorpel

Was bedeutet „Verlust der tragenden Knorpelbrücke“?

Bei manchen Piercings befindet sich zwischen Stichkanal und freier Knorpelkante nur eine begrenzte Menge Gewebe.

Das betrifft besonders:

  • Tragus,
  • Forward Helix,
  • teilweise Helix an der äußeren Ohrkante.

Solange diese Gewebebrücke ausreichend dick und stabil ist, wird der Stichkanal durch Knorpel und umgebendes Gewebe getragen.

Wird diese Struktur jedoch:

  • durch Druck geschädigt,
  • durch wiederholte Belastung verändert,
  • durch Entzündung abgebaut,
  • durch einen Abszess geschädigt
  • oder durch fortschreitende Migration immer dünner,

kann immer weniger stabiles Gewebe zwischen Piercingkanal und Knorpelkante verbleiben.

Kann der Knorpel dabei tatsächlich „aufbrechen“?

In der Praxis kann ein Piercing so aussehen, als würde der Knorpel zunehmend „aufbrechen“.

Medizinisch sollte dieser Begriff vorsichtig verwendet werden.

Möglich sind unter anderem:

  • Einriss des Knorpels,
  • kleine Frakturen,
  • Gewebeverlust,
  • Umbau des Knorpels,
  • Verlust der tragenden Knorpelkante,
  • Verlagerung des Stichkanals in oberflächlicheres Gewebe.

Von außen lässt sich nicht immer sicher feststellen, welcher dieser Vorgänge tatsächlich vorliegt.

Deshalb ist die Formulierung:

„strukturelle Schädigung mit Verlust der tragenden Gewebebrücke“

meist genauer als:

„der Knorpel ist gebrochen“.

Wie kann daraus ein oberflächlich liegendes Piercing entstehen?

Der ursprüngliche Stichkanal kann zunächst vollständig durch einen ausreichend breiten Knorpelbereich verlaufen.

Kommt es anschließend zu Gewebeverlust oder struktureller Veränderung, kann sich die Situation verändern.

Vereinfacht:

Ursprünglich:

Hautoberfläche ↓ ausreichend stabiles Knorpel- und Weichgewebe ↓ Piercingkanal

Nach Gewebeschädigung:

Hautoberfläche ↓ reduzierte tragende Gewebebrücke ↓ Piercingkanal

Der Stichkanal liegt dadurch näher an der Oberfläche bzw. an einer freien Knorpelkante.

Wird das Piercing vom Knorpel nach außen gedrückt?

Nicht im eigentlichen Sinne.

Es ist besser, von einer Kombination aus:

  • Gewebeabbau,
  • mechanischem Umbau,
  • Veränderung des Stichkanals,
  • Verlust von Gewebestabilität

zu sprechen.

Der Schmuck muss also nicht aktiv durch den Knorpel „gedrückt“ werden.

Vielmehr kann das Gewebe, das den Schmuck ursprünglich getragen hat, zunehmend dünner oder instabiler werden.

Warum kann sich der Schmuck danach in Weichgewebe verlagern?

Wenn die knorpelige Abstützung teilweise verloren geht, kann der Schmuck zunehmend von:

  • Haut,
  • Bindegewebe,
  • Narbengewebe

gehalten werden.

Dieses Gewebe besitzt möglicherweise nicht mehr dieselbe mechanische Stabilität wie die ursprüngliche Position.

Dadurch kann sich der Stichkanal weiter verändern.

Kann daraus Migration entstehen?

Ja.

Wenn die tragende Gewebebrücke immer dünner wird, kann das Piercing zunehmend in Richtung Hautoberfläche oder Knorpelkante wandern.

Diesen Vorgang bezeichnet man als:

Migration.

Eine Migration kann langsam über Wochen oder Monate verlaufen.

Mögliche Zeichen sind:

  • zunehmend sichtbarer Schmuck unter der Haut,
  • dünner werdende Gewebebrücke,
  • Veränderung der Ein- und Austrittsstellen,
  • veränderter Stichwinkel,
  • Schmuck liegt deutlich oberflächlicher als früher.

Weitere Informationen:

Migration bei Knorpelpiercings

Wann spricht man vom Herauswachsen?

Wenn die Gewebebrücke immer weiter abnimmt und der Schmuck schließlich vollständig aus dem Gewebe herausgelangt, spricht man umgangssprachlich vom:

Herauswachsen oder Abstoßen des Piercings.

Migration und Herauswachsen sind dabei keine völlig getrennten Vorgänge.

Das Herauswachsen kann das Endstadium einer fortschreitenden Migration darstellen.

Siehe:

Herauswachsen und Abstoßen eines Knorpelpiercings

Warum sind Tragus und Forward Helix besonders relevant?

Beim Tragus und beim Forward Helix kann zwischen Stichkanal und freier Knorpelkante nur relativ wenig Gewebe vorhanden sein.

Die individuelle Anatomie unterscheidet sich erheblich.

Bei manchen Menschen steht ein breiter und stabiler Knorpelbereich zur Verfügung.

Bei anderen ist die Struktur:

  • schmal,
  • dünn,
  • stark gekrümmt.

Dadurch können schon kleinere Veränderungen der Gewebebrücke deutlich sichtbar werden.

Zusätzliche Faktoren können sein:

  • ungünstige Platzierung,
  • zu geringer Abstand zur Knorpelkante,
  • Schlafdruck,
  • seitliche Hebelkräfte,
  • chronische Reizung,
  • frühere starke Infektion.

Weitere Informationen:

Tragus und Forward Helix – besondere Risiken

Auch die Helixkante kann betroffen sein

Bei Piercings an der äußeren Helixkante liegt der Stichkanal teilweise ebenfalls relativ nahe an einer freien Knorpelkante.

Wird die verbleibende Gewebebrücke zunehmend dünner, kann das Piercing:

  • seine ursprüngliche Position verändern,
  • zur Außenkante wandern,
  • oberflächlicher liegen,
  • schließlich herauswachsen.

Deshalb sollte bei Helixpiercings nicht nur auf Rötung und Schwellung geachtet werden.

Auch die Position des Stichkanals im Verhältnis zur Knorpelkante ist wichtig.

Welche Rolle spielt eine frühere starke Vereiterung?

Eine länger bestehende starke Infektion oder ein Abszess kann Gewebe schädigen.

Dadurch kann nach Abklingen der Entzündung:

  • weniger tragendes Gewebe vorhanden sein,
  • die Gewebebrücke dünner sein,
  • der Stichkanal oberflächlicher liegen.

Die Eiteransammlung „schiebt“ das Piercing dabei nicht einfach nach außen.

Entscheidend ist vielmehr die mögliche Schädigung bzw. der Verlust von Gewebe.

Siehe:

Eiter am Piercing – Entstehung, Bedeutung und mögliche Folgen

Was ist der Unterschied zwischen Knorpelschädigung und Knorpelwulst?

Eine Knorpelschädigung muss nicht zwangsläufig als sichtbare Wulst erscheinen.

Umgekehrt bedeutet eine sichtbare Wulst nicht automatisch, dass der Knorpel selbst geschädigt ist.

Eine Verdickung kann beispielsweise aus:

  • Schwellung,
  • Narbengewebe,
  • Hypergranulation,
  • Veränderungen des Perichondriums,
  • tatsächlicher Knorpelverformung

bestehen.

Siehe:

Knorpelwulst – Verdickung und Verformung am Ohrknorpel

Woran kann man eine strukturelle Knorpelschädigung erkennen?

Mögliche Hinweise sind:

  • dauerhafte Veränderung der Ohrkontur,
  • neu entstandene Verdickung oder Einziehung,
  • veränderte Knorpelkante,
  • Stichkanal wandert sichtbar,
  • Gewebebrücke wird zunehmend dünner,
  • Schmuck liegt oberflächlicher,
  • Schmuck zeichnet sich stärker durch die Haut ab,
  • Ein- und Austrittsstelle verändern ihre Position.

Diese Veränderungen sollten über einen Zeitraum verglichen werden.

Fotos können dabei helfen, eine langsame Veränderung zu erkennen.

Was spricht eher für eine vorübergehende Reizung?

Bei einer einfachen Reizung können:

  • Rötung,
  • leichte Schwellung,
  • Druckempfindlichkeit,
  • vermehrtes Wundsekret

auftreten.

Wenn die Ursache beseitigt wird, sollten diese Beschwerden im Verlauf wieder abnehmen.

Bei einer strukturellen Schädigung verändert sich dagegen häufig zusätzlich:

  • Form,
  • Position,
  • Gewebedicke,
  • Stabilität

des Piercings.

Kann beschädigter Knorpel vollständig wiederhergestellt werden?

Knorpel besitzt nur eine begrenzte Regenerationsfähigkeit.

Kleine Verletzungen können durch Reparatur- und Umbauprozesse stabilisiert werden.

Größere strukturelle Defekte werden jedoch nicht zwangsläufig wieder durch identisches ursprüngliches Knorpelgewebe ersetzt.

Es kann zu:

  • fibrösem Reparaturgewebe,
  • Narbenbildung,
  • dauerhafter Formveränderung

kommen.

Deshalb ist es wichtig, eine fortschreitende strukturelle Schädigung möglichst früh zu erkennen.

Wann sollte das Piercing fachkundig beurteilt werden?

Eine Kontrolle ist sinnvoll, wenn:

  • das Piercing sichtbar seine Position verändert,
  • die Gewebebrücke dünner wird,
  • der Schmuck zunehmend oberflächlich liegt,
  • die Knorpelkante einzureißen scheint,
  • sich die Ohrform verändert,
  • eine neue dauerhafte Wulst entsteht.

Eine frühe Beurteilung ist besonders wichtig, bevor nur noch sehr wenig Gewebe den Schmuck trägt.

Wann ist eine ärztliche Untersuchung notwendig?

Eine medizinische Abklärung ist besonders wichtig bei:

  • starker oder zunehmender Schwellung,
  • deutlicher Überwärmung,
  • zunehmenden starken Schmerzen,
  • Eiter,
  • Abszessverdacht,
  • Fieber,
  • rascher Veränderung der Ohrform,
  • Verdacht auf Knorpelnekrose.

Siehe:

Warnzeichen – wann ärztlich abklären?

Perichondritis

Der wichtigste Grundsatz

Bei Knorpelpiercings sollte nicht nur gefragt werden:

„Ist das Piercing entzündet?“

Ebenso wichtig ist:

„Bleiben Position, Gewebedicke und Knorpelform stabil?“

Ein Piercing kann relativ reizarm aussehen und trotzdem langsam seine tragende Gewebebrücke verlieren.

Deshalb sind Veränderungen von:

  • Position,
  • Winkel,
  • Gewebedicke
  • und Knorpelform

wichtige Warnzeichen.


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