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Chondritis – Entzündung des Knorpelgewebes
Eine Chondritis ist eine Entzündung des eigentlichen Knorpelgewebes.
Im Zusammenhang mit Piercings betrifft sie vor allem Knorpelbereiche der Ohrmuschel, beispielsweise nach:
- Helix-Piercing
- Forward-Helix-Piercing
- Flat-Piercing
- Conch-Piercing
- Tragus-Piercing
- Rook-Piercing
- Daith-Piercing
- Industrial-Piercing
Eine Chondritis ist medizinisch deutlich ernster zu bewerten als eine einfache oberflächliche Reizung des Piercings.
Unterschied zwischen Perichondritis und Chondritis
Die Begriffe werden im Alltag häufig miteinander vermischt.
Sie bezeichnen jedoch unterschiedliche anatomische Strukturen.
Perichondritis
= Entzündung des Perichondriums, also der Knorpelhaut.
Chondritis
= Entzündung des eigentlichen Knorpelgewebes.
In der Praxis können beide Erkrankungen ineinander übergehen beziehungsweise gleichzeitig auftreten.
Eine schwere Perichondritis kann sich auf den darunterliegenden Knorpel ausweiten und dadurch eine Chondritis verursachen.
Mehr dazu:
Warum ist eine Chondritis problematisch?
Knorpel unterscheidet sich deutlich von gut durchblutetem Weichteilgewebe.
Ohrknorpel besitzt keine eigene direkte Blutversorgung.
Seine Versorgung erfolgt überwiegend über:
- Diffusion
- angrenzendes Gewebe
- das Perichondrium
Wird das Perichondrium durch eine Entzündung, einen Abszess oder eine Gewebeablösung geschädigt, kann die Versorgung des darunterliegenden Knorpels beeinträchtigt werden.
Dadurch steigt das Risiko für:
- Knorpelschädigung
- Knorpelnekrose
- dauerhafte Formveränderung der Ohrmuschel
Wie kann eine Chondritis nach einem Piercing entstehen?
Beim Piercen durch Ohrknorpel werden:
- Haut
- Perichondrium
- Knorpel
durchdrungen.
Dadurch entsteht eine direkte Verbindung zwischen der Hautoberfläche und tiefer gelegenen Gewebestrukturen.
Gelangen Mikroorganismen in diesen Bereich, kann zunächst eine lokale Infektion entstehen.
Ein möglicher Verlauf ist:
Knorpelpiercing
↓
lokale bakterielle Infektion
↓
Perichondritis
↓
Ausbreitung auf das Knorpelgewebe
↓
Chondritis
↓
mögliche Knorpelnekrose und Deformierung
Dieser Verlauf tritt nicht bei jedem entzündeten Knorpelpiercing auf, zeigt aber, warum eine fortschreitende Entzündung frühzeitig medizinisch beurteilt werden sollte.
Typische Auslöser und Risikofaktoren
Eine Chondritis kann durch bakterielle Infektionen begünstigt werden.
Mögliche Risikofaktoren im Piercingbereich sind:
- Kontamination beim Piercen
- unzureichende Hautantiseptik
- kontaminierte Instrumente
- kontaminierter Schmuck
- unsachgemäße Manipulation
- Berühren mit ungewaschenen Händen
- mechanische Verletzung
- Druck auf das Piercing
- Schlafen auf dem Piercing
- zu kurzer Schmuck
- Einwachsen des Schmucks
- kontaminiertes Wasser
- verspätete Behandlung einer bereits bestehenden Infektion
Pseudomonas aeruginosa
Bei Infektionen nach transkartilaginären Ohrpiercings ist besonders wichtig:
Pseudomonas aeruginosa
Dieser gramnegative Umweltkeim wird in der medizinischen Literatur besonders häufig im Zusammenhang mit:
- Perichondritis
- Chondritis
- Knorpelabszess
- Knorpelnekrose
nach Ohrknorpelpiercings beschrieben.
Mehr dazu:
Wissenschaftliche Bedeutung von Pseudomonas
In einer systematischen Auswertung publizierter Fälle von Infektionen nach transkartilaginären Ohrpiercings war Pseudomonas aeruginosa der häufigste identifizierte Erreger.
Das zeigt:
Bei einer schweren Infektion eines Knorpelpiercings muss Pseudomonas medizinisch mit berücksichtigt werden.
Die Erregerbestimmung sollte jedoch nicht anhand des Aussehens oder der Farbe des Sekrets erfolgen.
Weitere mögliche Erreger
Neben Pseudomonas aeruginosa können auch andere Bakterien beteiligt sein.
Dazu gehören beispielsweise:
- Staphylococcus aureus
- andere Staphylokokken
- Streptokokken
- weitere Haut- und Umweltkeime
Welche Bakterien tatsächlich beteiligt sind, kann nur mikrobiologisch zuverlässig bestimmt werden.
Typische mögliche Beschwerden
Eine Chondritis kann sich unter anderem zeigen durch:
- zunehmende starke Schmerzen
- ausgeprägte Druckempfindlichkeit
- Rötung
- deutliche Überwärmung
- starke Schwellung
- eitriges Sekret
- Veränderung der Ohrkontur
- zunehmende Verhärtung oder Verdickung des Knorpelbereichs
Zusätzlich können auftreten:
- Fieber
- Schüttelfrost
- allgemeines Krankheitsgefühl
Ein wichtiges Warnzeichen: zunehmender Schmerz
Eine unkomplizierte Piercingwunde sollte im Verlauf grundsätzlich eher weniger empfindlich werden.
Wenn dagegen:
- Schmerzen deutlich zunehmen
- das Ohr immer stärker anschwillt
- die Rötung größer wird
- die Überwärmung zunimmt
muss an eine fortschreitende Infektion gedacht werden.
Abszessbildung
Bei einer ausgeprägten Infektion kann sich Eiter zwischen:
- Knorpel
- Perichondrium
ansammeln.
Dadurch kann das Perichondrium vom Knorpel abgehoben werden.
Dies ist besonders problematisch, weil dadurch die Versorgung des Knorpels beeinträchtigt werden kann.
Mögliche Folgen sind:
- Ischämie
- Knorpelnekrose
- dauerhafte Gewebeschädigung
Knorpelnekrose
Eine der schwerwiegendsten Folgen einer fortgeschrittenen Chondritis ist die:
Knorpelnekrose
Dabei stirbt Knorpelgewebe ab.
Das abgestorbene Gewebe kann seine ursprüngliche Form und Funktion nicht mehr vollständig erhalten.
Mehr dazu:
Dauerhafte Deformierung
Durch:
- Gewebezerstörung
- Abszesse
- Knorpelnekrose
- Narbenbildung
kann sich die Form der Ohrmuschel dauerhaft verändern.
Mögliche Folgen sind:
- unregelmäßige Ohrkonturen
- Einziehungen
- Verdickungen
- Verlust einzelner Knorpelstrukturen
- sogenannte „Blumenkohlohr“-ähnliche Veränderungen
Eine solche Veränderung kann dauerhaft sein.
Warum verzögerte Behandlung problematisch ist
Bei Infektionen nach Knorpelpiercings kann Zeit eine wichtige Rolle spielen.
Eine systematische Auswertung von Fällen nach transkartilaginären Ohrpiercings zeigte, dass eine längere Dauer der Beschwerden vor medizinischer Vorstellung mit ungünstigeren Verläufen und häufiger notwendiger Krankenhausbehandlung verbunden war.
Deshalb sollte eine deutlich fortschreitende Entzündung nicht über mehrere Tage ausschließlich mit Pflegeprodukten behandelt werden.
Chondritis oder normale Piercingheilung?
Nach einem frischen Knorpelpiercing können zunächst auftreten:
- leichte Rötung
- leichte Schwellung
- Druckempfindlichkeit
- Wundsekret
Das kann Teil der normalen frühen Heilungsreaktion sein.
Verdächtig sind dagegen:
- deutliche Verschlechterung
- zunehmende starke Schmerzen
- großflächige Rötung
- starke Überwärmung
- zunehmende Schwellung
- Eiter
- Veränderungen der Ohrform
- Fieber
Entscheidend ist nicht allein das Vorhandensein eines Symptoms, sondern insbesondere dessen Entwicklung im Verlauf.
Chondritis und Piercingbeule
Eine lokale Irritationsbeule oder Hypergranulation ist keine Chondritis.
Typische lokale Veränderungen wie:
- Irritationsbeule
- Hypergranulation
- kleiner Knorpelwulst
sind in der Regel deutlich lokaler begrenzt.
Eine Chondritis betrifft dagegen das eigentliche Knorpelgewebe und kann mit einer deutlich ausgeprägteren Entzündungsreaktion einhergehen.
Diagnostik
Die Diagnose einer Chondritis gehört in den medizinischen Bereich.
Je nach Befund können erforderlich sein:
- klinische Untersuchung
- Beurteilung der Ohrmuschel
- Kontrolle auf Abszessbildung
- mikrobiologische Probe
- Abstrich oder Material aus einem Abszess
- Kultur
- Antibiogramm
- gegebenenfalls weitere Diagnostik
Abstrich und Antibiogramm
Gerade bei Knorpelinfektionen kann die genaue Erregerbestimmung wichtig sein.
Ein Antibiogramm kann zeigen, gegenüber welchen Antibiotika ein nachgewiesener Erreger:
- empfindlich
- intermediär empfindlich
- resistent
ist.
Mehr dazu:
Warum ein ungeeignetes Antibiotikum problematisch sein kann
Nicht jedes Antibiotikum deckt Pseudomonas aeruginosa ab.
Wird eine schwere Knorpelinfektion ausschließlich mit einem Antibiotikum behandelt, gegen das der Erreger nicht empfindlich ist, kann die Infektion fortschreiten.
Deshalb sind:
- Lokalisation
- Erregerspektrum
- mikrobiologische Diagnostik
- klinischer Verlauf
für die ärztliche Therapieentscheidung wichtig.
Mehr dazu:
Behandlung
Eine echte Chondritis ist keine typische Piercing-Nachsorgeproblematik mehr.
Die Behandlung gehört in ärztliche beziehungsweise HNO-ärztliche Betreuung.
Je nach Schweregrad können erforderlich sein:
- systemische Antibiotikatherapie
- mikrobiologische Diagnostik
- Drainage eines Abszesses
- chirurgische Entlastung
- Entfernung nekrotischen Gewebes
- stationäre Behandlung
Die konkrete Therapie richtet sich nach dem klinischen Befund.
Schmuck entfernen?
Bei einer Knorpelinfektion sollte Schmuck nicht pauschal und unkontrolliert entfernt werden.
Zu berücksichtigen sind unter anderem:
- Schwellung
- Einwachsen
- Druck
- Abszess
- Sekretabfluss
- geplante medizinische Behandlung
In manchen Situationen kann eine Entfernung notwendig sein.
In anderen Situationen kann ein vorschneller Verschluss des Stichkanals problematisch sein.
Die Entscheidung sollte deshalb bei schwerer Knorpelinfektion medizinisch getroffen werden.
Mehr dazu:
Piercingschmuck bei einer bakteriellen Infektion entfernen oder belassen?
Was sollte der Piercer tun?
Bei Verdacht auf eine Chondritis sollte ein Piercer:
- die Veränderung nicht als normale Heilungsreaktion herunterspielen
- keine langwierigen Pflegeexperimente durchführen
- keine eigenständige Antibiotikatherapie empfehlen
- den Kunden zeitnah ärztlich beziehungsweise HNO-ärztlich vorstellen lassen
Besonders dringlich ist die Abklärung bei:
- zunehmenden starken Schmerzen
- starker Schwellung
- großflächiger Rötung
- Eiter
- Abszessverdacht
- sichtbarer Veränderung der Ohrform
- Fieber
- allgemeinem Krankheitsgefühl
Wann ist sofortige medizinische Abklärung erforderlich?
Eine schnelle medizinische Beurteilung ist insbesondere erforderlich bei:
- rasch zunehmender Schwellung
- starken oder zunehmenden Schmerzen
- ausgeprägter Überwärmung
- Eiteransammlung
- Abszessverdacht
- beginnender Ohrdeformierung
- Fieber
- Schüttelfrost
- deutlicher Allgemeinzustandsverschlechterung
Wichtig für die Piercingpraxis
Eine Chondritis ist eine Entzündung des eigentlichen Knorpelgewebes.
Sie kann sich aus einer zunächst lokalen Infektion beziehungsweise Perichondritis entwickeln.
Bei Ohrknorpelpiercings ist besonders wichtig:
- frühzeitige Erkennung einer fortschreitenden Infektion
- Unterscheidung zwischen Reizung und Infektion
- besondere Berücksichtigung von Pseudomonas aeruginosa
- rechtzeitige medizinische Behandlung
- Vermeidung einer Knorpelnekrose
Die entscheidende Gefahr besteht nicht in einer leichten lokalen Rötung, sondern in einer fortschreitenden Infektion des Perichondriums und des Knorpelgewebes.
Eine verspätete Behandlung kann zu:
- Knorpelnekrose
- Gewebeverlust
- dauerhafter Ohrdeformierung
führen.
