Inhaltsverzeichnis

Apothekenpflicht, Verschreibungspflicht und Freiverkäuflichkeit

Bei Produkten zur Piercingpflege werden Begriffe wie:

häufig miteinander verwechselt.

Diese Begriffe bedeuten jedoch nicht dasselbe.

Besonders wichtig ist:

„Rezeptfrei“ bedeutet nicht automatisch „frei verkäuflich“.

Ein Arzneimittel kann:

sein.

Zuerst muss geklärt werden: Ist es überhaupt ein Arzneimittel?

Die Begriffe:

betreffen in erster Linie den Vertrieb von Arzneimitteln.

Ein Medizinprodukt oder kosmetisches Mittel folgt anderen rechtlichen Regelungen.

Deshalb sollte zuerst geklärt werden:

Welche Produktkategorie liegt überhaupt vor?

Siehe:

Grundlagen zu Pflegeprodukten

Zweckbestimmung von Produkten

Was bedeutet verschreibungspflichtig?

Ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel darf grundsätzlich nur bei Vorliegen einer entsprechenden ärztlichen, zahnärztlichen oder tierärztlichen Verschreibung abgegeben werden.

Welche Stoffe und Zubereitungen verschreibungspflichtig sind, wird insbesondere durch die Arzneimittelverschreibungsverordnung – AMVV – geregelt.

Dort sind zahlreiche Wirkstoffe und Ausnahmen aufgeführt.

Das bedeutet:

Ein Wirkstoff kann je nach:

unterschiedlich eingestuft sein.

Deshalb darf die Verschreibungspflicht nicht allein aus dem Namen eines Wirkstoffes abgeleitet werden.

Was bedeutet apothekenpflichtig?

Apothekenpflichtige Arzneimittel dürfen grundsätzlich nur über Apotheken an Endverbraucher abgegeben werden.

Dazu gehören sowohl:

Das bedeutet:

Nicht jedes apothekenpflichtige Arzneimittel benötigt ein Rezept.

Ein typisches Missverständnis lautet:

„Wenn ich es ohne Rezept bekomme, ist es nicht apothekenpflichtig.“

Das ist falsch.

Ein Arzneimittel kann ohne Rezept erhältlich sein und trotzdem ausschließlich über eine Apotheke abgegeben werden.

Was bedeutet rezeptfrei?

„Rezeptfrei“ ist ein gebräuchlicher Ausdruck für:

nicht verschreibungspflichtig.

Rezeptfrei bedeutet jedoch lediglich:

Für die Abgabe ist keine ärztliche Verschreibung erforderlich.

Es sagt noch nicht aus, wo das Arzneimittel verkauft werden darf.

Ein rezeptfreies Arzneimittel kann:

sein.

Was bedeutet freiverkäuflich?

Freiverkäufliche Arzneimittel sind von der Apothekenpflicht ausgenommen und dürfen unter den jeweiligen gesetzlichen Voraussetzungen auch außerhalb von Apotheken verkauft werden.

§ 44 Arzneimittelgesetz nennt verschiedene Ausnahmen von der Apothekenpflicht.

Dazu gehören beispielsweise bestimmte:

Welche Produkte tatsächlich freiverkäuflich sind, hängt jedoch von der jeweiligen rechtlichen Einordnung ab.

Einfacher Vergleich

Kategorie Rezept erforderlich? Abgabe grundsätzlich nur Apotheke?
Verschreibungspflichtiges Arzneimittel Ja Ja
Rezeptfreies, apothekenpflichtiges Arzneimittel Nein Ja
Freiverkäufliches Arzneimittel Nein Nein
Medizinprodukt Nicht nach Arzneimittel-Verschreibungspflicht abhängig vom Produkt
Kosmetisches Mittel Nein Nein

Verschreibungspflichtig ist immer mehr als nur „stärker“

Ein Arzneimittel wird nicht einfach deshalb verschreibungspflichtig, weil es besonders „stark“ wirkt.

Die Verschreibungspflicht berücksichtigt unter anderem Risiken wie:

Welche Stoffe und Zubereitungen verschreibungspflichtig sind, ist gesetzlich geregelt.

Antibiotika

Systemisch angewendete Antibiotika zur Behandlung bakterieller Infektionen sind in Deutschland grundsätzlich verschreibungspflichtige Arzneimittel.

Sie dürfen deshalb nicht:

werden.

Bei Piercinginfektionen ist außerdem entscheidend:

Nicht jedes Antibiotikum wirkt gegen jeden möglichen Erreger.

Siehe:

Antibiotika bei Piercinginfektionen – Grundlagen

Warum die Piercingstelle für die Antibiotikawahl wichtig ist

Warum ist das für Piercinginfektionen besonders wichtig?

Bei einer Piercinginfektion kann die Wahl eines Antibiotikums unter anderem davon abhängen:

Ein Antibiotikum sollte deshalb nicht allein danach beurteilt werden:

„Ist es verschreibungspflichtig und stark?“

Die entscheidende Frage ist:

„Erfasst es den relevanten Erreger und passt es zur klinischen Situation?“

Apothekenpflichtig bedeutet nicht automatisch besser

Auch der Verkaufsort allein sagt nichts darüber aus, ob ein Produkt für ein Piercing geeignet ist.

Ein apothekenpflichtiges Produkt ist nicht automatisch:

als ein Medizinprodukt oder ein anderes geeignetes Pflegeprodukt.

Die richtige Auswahl hängt von:

ab.

Apotheke bedeutet nicht automatisch Arzneimittel

Auch in Apotheken werden zahlreiche Produkte verkauft, die keine Arzneimittel sind.

Dazu können beispielsweise gehören:

Der Verkaufsort allein bestimmt deshalb nicht die Produktkategorie.

Medizinprodukt und Apothekenpflicht

Die arzneimittelrechtlichen Begriffe:

dürfen nicht automatisch auf Medizinprodukte übertragen werden.

Ein Medizinprodukt wird nach seinem eigenen regulatorischen Rahmen beurteilt.

Dass ein Medizinprodukt in einer Apotheke verkauft wird, macht es nicht automatisch zu einem Arzneimittel.

Beispiel: Wundspüllösung

Eine Wundspüllösung kann als Medizinprodukt eingestuft sein.

Sie kann:

angeboten werden.

Daraus darf nicht automatisch geschlossen werden:

„Es ist apothekenpflichtig.“

Entscheidend ist die konkrete Produktklassifikation.

Beispiel: Antiseptikum

Auch bei antiseptischen Produkten muss die konkrete Einstufung geprüft werden.

Je nach Produkt kann es sich um:

oder eine andere regulatorische Kategorie handeln.

Deshalb ist die Aussage:

„Antiseptika sind immer Arzneimittel.“

nicht korrekt.

Woran erkennt man ein Arzneimittel?

Bei Fertigarzneimitteln finden sich auf Verpackung und Gebrauchsinformation unter anderem Hinweise auf:

Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln muss die Kennzeichnung entsprechend auf die Verschreibungspflicht hinweisen.

Bei sonstigen Arzneimitteln, die nur über Apotheken abgegeben werden dürfen, ist die Kennzeichnung:

„Apothekenpflichtig“

vorgesehen.

Warum ist die Unterscheidung für Kunden wichtig?

Wer die Begriffe verwechselt, kann beispielsweise annehmen:

„Ohne Rezept = harmlos.“

Das stimmt nicht.

Auch rezeptfreie Arzneimittel können:

Umgekehrt kann ein Medizinprodukt für einen bestimmten Zweck sehr sinnvoll sein, obwohl es kein Arzneimittel ist.

Darf ein Piercer Arzneimittel empfehlen?

Ein Piercer kann allgemein über:

informieren.

Die Diagnose und Behandlung einer bakteriellen Infektion mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln gehört jedoch in ärztliche Verantwortung.

Insbesondere sollte ein Piercer nicht:

Was ist bei bereits verschriebenen Antibiotika wichtig?

Wenn ein Antibiotikum verschrieben wurde, sollte nicht eigenständig:

werden.

Wenn keine Besserung eintritt, sollte stattdessen geprüft werden:

Siehe:

Keine Besserung trotz Antibiotikum

Abstrich, Kultur und Antibiogramm

Übersicht

Begriff Bedeutung
Verschreibungspflichtig Abgabe grundsätzlich nur mit Verschreibung
Rezeptfrei keine Verschreibung erforderlich
Apothekenpflichtig Abgabe an Endverbraucher grundsätzlich nur über Apotheken
Freiverkäuflich Abgabe unter gesetzlichen Voraussetzungen auch außerhalb der Apotheke möglich
Medizinprodukt eigene regulatorische Produktkategorie; nicht automatisch Arzneimittel
Kosmetisches Mittel eigene Produktkategorie; keine Arzneimittelbehandlung von Krankheiten

Der wichtigste Grundsatz

Die Begriffe beantworten unterschiedliche Fragen:

Verschreibungspflicht

→ Brauche ich ein Rezept?

Apothekenpflicht

→ Wo darf das Arzneimittel abgegeben werden?

Freiverkäuflichkeit

→ Darf es auch außerhalb einer Apotheke verkauft werden?

Produktklassifikation

→ Ist es überhaupt ein Arzneimittel, Medizinprodukt oder Kosmetikum?

Diese Fragen sollten nicht miteinander vermischt werden.


Weiterführende Seiten

← Zurück zur Übersicht