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„Wildfleisch“ am Piercing – was ist damit gemeint?

Der Begriff:

„Wildfleisch“

wird in der Piercingpraxis sehr häufig verwendet.

Medizinisch ist „Wildfleisch“ jedoch:

keine eindeutige Diagnose.

Der Begriff beschreibt lediglich, dass sich am oder neben einem Piercing:

sichtbar vermehrtes beziehungsweise hervorstehendes Gewebe

gebildet hat.

Hinter diesem Erscheinungsbild können unterschiedliche Veränderungen stecken.

Warum ist der Begriff problematisch?

Mit „Wildfleisch“ werden in der Praxis häufig sehr unterschiedliche Befunde bezeichnet.

Dazu gehören beispielsweise:

Diese Veränderungen unterscheiden sich deutlich hinsichtlich:

Deshalb sollte nicht jede Beule am Piercing pauschal als:

„Wildfleisch“

bezeichnet werden.

Was ist am häufigsten gemeint?

Im Piercingalltag wird mit „Wildfleisch“ häufig:

überschießendes Granulationsgewebe beziehungsweise Hypergranulation

gemeint.

Typisch ist dabei weiches, feuchtes Gewebe, das:

sein kann.

Es kann bei Berührung schnell:

bluten.

Hypergranulation

Hypergranulation bedeutet, dass sich:

Granulationsgewebe über das normale Hautniveau hinaus

entwickelt.

Granulationsgewebe gehört grundsätzlich zur normalen Wundheilung.

Es enthält unter anderem:

Bei Hypergranulation wächst dieses Gewebe jedoch:

überschießend über die Wundoberfläche hinaus.

Siehe:

Hypergranulation

Wie sieht Hypergranulation aus?

Typisch kann sein:

Das Gewebe wirkt häufig:

fleischig

und erklärt damit den umgangssprachlichen Begriff „Wildfleisch“.

Warum entsteht Hypergranulation?

Hypergranulation kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden.

Dazu gehören unter anderem:

Häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig.

Mechanische Ursachen sind besonders wichtig

Bei Piercings spielt die mechanische Situation häufig eine entscheidende Rolle.

Ein Piercing kann dauerhaft gereizt werden durch:

Solange eine solche Ursache bestehen bleibt, kann auch eine lokale Behandlung nur begrenzt erfolgreich sein.

Siehe:

Reizung und mechanische Belastung

Winkel, Spannung und mechanische Belastung

„Wildfleisch“ ist nicht automatisch ein Granulom

Ein häufiger sprachlicher Fehler ist:

„Wildfleisch = Granulom.“

Das ist medizinisch nicht korrekt.

Ein:

Granulom

ist eine spezielle chronisch-entzündliche Gewebereaktion mit charakteristischem Zellaufbau.

Eine Hypergranulation ist dagegen:

überschießendes Granulationsgewebe.

Beides sind unterschiedliche Vorgänge.

Was ist ein echtes Granulom?

Ein echtes Granulom entsteht durch eine chronische Immunreaktion.

Dabei sammeln sich bestimmte Immunzellen an, insbesondere:

Makrophagen beziehungsweise epitheloide Histiozyten.

Granulome können unter anderem auftreten bei:

Ein echtes Granulom kann nicht zuverlässig allein anhand seines äußeren Erscheinungsbildes diagnostiziert werden.

Siehe:

Granulom

Pyogenes Granulom

Das:

pyogene Granulom

ist trotz seines Namens weder ein klassisches Granulom noch notwendigerweise eitrig.

Es handelt sich um eine:

stark gefäßreiche, gutartige Gewebeneubildung.

Typisch können sein:

Der medizinisch präzisere Begriff lautet:

lobuläres kapilläres Hämangiom.

Ein pyogenes Granulom kann einer Hypergranulation äußerlich ähneln.

Bei einem:

Befund sollte deshalb eine medizinische beziehungsweise dermatologische Beurteilung erfolgen.

Warum wird das pyogene Granulom mit Hypergranulation verwechselt?

Beide Veränderungen können:

aussehen.

Ein pyogenes Granulom zeigt jedoch häufig ein:

deutlicher knotiges beziehungsweise polypöses Wachstum

und kann relativ schnell größer werden.

Eine sichere Unterscheidung ist allein anhand eines Fotos oder der äußeren Erscheinung nicht immer möglich.

Irritationsbeule

Der Begriff:

Irritationsbeule

wird vor allem in der Piercingpraxis verwendet.

Er beschreibt eine lokale Gewebeveränderung, die häufig im Zusammenhang mit:

steht.

Es handelt sich nicht um eine exakt definierte histopathologische Diagnose.

Siehe:

Irritationsbeule

Irritationsbeule und Hypergranulation

Eine Irritationsbeule kann unterschiedliche Gewebeanteile enthalten.

Sie kann beispielsweise:

sein.

Deshalb kann eine Irritationsbeule teilweise wie eine Hypergranulation aussehen.

Die Begriffe sollten trotzdem nicht gleichgesetzt werden.

Hypertrophe Narbe

Eine hypertrophe Narbe besteht aus überschießendem:

Narbengewebe.

Typisch sind:

Sie unterscheidet sich damit deutlich von weicher, feuchter Hypergranulation.

Siehe:

Hypertrophe Narbe

Keloid

Ein Keloid ist eine überschießende Narbenbildung, die:

über die ursprünglichen Wundgrenzen hinauswächst.

Typisch können sein:

Ein Keloid ist nicht dasselbe wie:

Siehe:

Keloid

Schnellvergleich

Befund Typische Eigenschaften
Hypergranulation weich, feucht, rot, leicht blutend
Pyogenes Granulom stark gefäßreich, häufig rasches Wachstum, sehr leicht blutend
Irritationsbeule lokale irritationsbedingte Gewebeveränderung, variables Erscheinungsbild
echtes Granulom spezielle chronisch-entzündliche Zellreaktion
hypertrophe Narbe festes Narbengewebe, bleibt innerhalb des ursprünglichen Verletzungsbereichs
Keloid festes Narbengewebe, wächst über die ursprünglichen Wundgrenzen hinaus

Warum ist die richtige Einordnung wichtig?

Die Behandlung hängt entscheidend davon ab:

welche Gewebeveränderung tatsächlich vorliegt.

Eine Maßnahme, die bei Hypergranulation sinnvoll sein kann, ist bei:

nicht automatisch geeignet.

Erst Ursache beurteilen

Bevor eine gezielte lokale Behandlung erfolgt, sollte geprüft werden:

Die sichtbare Gewebeveränderung kann:

Folge eines weiterhin bestehenden Problems

sein.

Schmucklänge

Zu langer Schmuck kann:

Zu kurzer Schmuck kann:

verursachen.

Beides kann chronische Reizung fördern.

Falscher Winkel

Ein ungünstiger Piercingwinkel kann dauerhaft:

Spannung auf den Stichkanal

ausüben.

Dadurch kann eine Gewebeveränderung selbst dann bestehen bleiben, wenn die äußere Pflege korrekt durchgeführt wird.

Siehe:

Winkel, Spannung und mechanische Belastung

Feuchtigkeit

Dauerhaft feuchtes Gewebe kann die Entstehung beziehungsweise Aufrechterhaltung einer Hypergranulation begünstigen.

Mögliche Ursachen sind:

Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes feuchte Piercing automatisch eine Hypergranulation entwickelt.

Überpflege

Sehr häufige Reinigung oder der gleichzeitige Einsatz verschiedener Produkte kann:

Siehe:

Überpflege – wann wird Pflege zu viel?

Infektion berücksichtigen

Eine rote Gewebeveränderung ist nicht automatisch ausschließlich mechanisch bedingt.

Bei:

muss eine Infektion berücksichtigt werden.

Siehe:

Infektion am Piercing

Abszess nicht mit „Wildfleisch“ verwechseln

Ein Abszess kann als:

erscheinen.

Er ist jedoch eine:

lokalisierte Eiteransammlung im Gewebe

und etwas völlig anderes als Hypergranulation.

Siehe:

Abszess am Piercing

Drainagegang nicht mit „Wildfleisch“ verwechseln

Bei einem tiefer liegenden beziehungsweise chronischen Entzündungsprozess kann sich eine zusätzliche kleine Öffnung entwickeln, aus der Sekret austritt.

Dabei kann es sich um einen:

Drainagegang

handeln.

Ein Drainagegang ist keine Hypergranulation.

Siehe:

Drainagegang am Piercing

Fistel nicht mit „Wildfleisch“ verwechseln

Auch eine:

Fistel

ist keine Gewebewucherung im engeren Sinn.

Sie bezeichnet eine pathologische Gangverbindung.

Siehe:

Fistel am Piercing

Silbernitrat

Silbernitrat wird medizinisch zur:

chemischen Kauterisation

bestimmter Gewebe eingesetzt.

Bei überschießendem Granulationsgewebe kann es gezielt verwendet werden, um oberflächliches Gewebe:

chemisch zu koagulieren beziehungsweise zu kauterisieren.

Das bedeutet jedoch nicht:

Silbernitrat ist ein allgemeines Piercingpflegeprodukt.

Siehe:

Silbernitrat

Wann kann Silbernitrat sinnvoll sein?

Silbernitrat kann bei:

überschießendem Granulationsgewebe

eine mögliche gezielte Behandlungsoption darstellen.

Vor einer Anwendung sollte jedoch geklärt werden:

Silbernitrat behandelt nicht automatisch die Ursache

Silbernitrat kann überschießendes Gewebe reduzieren.

Es beseitigt jedoch nicht automatisch:

Bleibt der auslösende Faktor bestehen, kann auch die Gewebeveränderung:

erneut auftreten.

Silbernitrat nicht pauschal auf jede Beule

Eine Beule am Piercing sollte nicht allein deshalb mit Silbernitrat behandelt werden, weil sie umgangssprachlich als:

„Wildfleisch“

bezeichnet wird.

Bei:

kann eine andere Vorgehensweise erforderlich sein.

Wirkung von Silbernitrat

Silbernitrat führt bei direktem Gewebekontakt zu einer:

chemischen Koagulation beziehungsweise Kauterisation oberflächlicher Gewebeschichten.

Dadurch kann überschießendes Granulationsgewebe reduziert werden.

Die Wirkung ist jedoch nicht ausschließlich auf krankhaft verändertes Gewebe beschränkt.

Risiko für gesundes Gewebe

Silbernitrat wirkt nicht selektiv nur auf Hypergranulation.

Bei Kontakt kann auch gesundes umliegendes Gewebe:

werden.

Die Anwendung muss deshalb:

gezielt und kontrolliert

erfolgen.

Verfärbung durch Silbernitrat

Silbernitrat kann auf:

dunkle bis schwarze Verfärbungen hervorrufen.

Eine lokale dunkle Verfärbung nach Silbernitratkontakt ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für:

Silbernitrat und Infektion

Silbernitrat darf nicht als Ersatz für die Behandlung einer:

bakteriellen Infektion

verstanden werden.

Wenn gleichzeitig bestehen:

muss die Infektionssituation gesondert beurteilt werden.

Hydrocortison

Bei bestimmten Formen überschießenden Granulationsgewebes werden in der medizinischen Wundbehandlung auch:

topische Kortikosteroide

eingesetzt.

Dazu kann beispielsweise Hydrocortison gehören.

Eine Anwendung sollte jedoch nicht erfolgen, wenn eine unbehandelte Infektion vermutet wird.

Siehe:

Hydrocortison bei Hypergranulation und Narbengewebe

Silbernitrat oder Hydrocortison?

Die Wirkprinzipien unterscheiden sich grundsätzlich.

Silbernitrat

→ chemische Kauterisation beziehungsweise Koagulation oberflächlichen Gewebes.

Hydrocortison

→ entzündungshemmende Wirkung eines Kortikosteroids.

Welche Maßnahme geeignet ist, hängt vom:

konkreten Befund

ab.

Pyogenes Granulom besonders beachten

Ein pyogenes Granulom kann:

Es sollte nicht automatisch als einfache Hypergranulation eingeordnet werden.

Bei einem unklaren oder schnell wachsenden Befund ist eine:

medizinische beziehungsweise dermatologische Beurteilung

sinnvoll.

Stark blutende Veränderungen

Eine Gewebeveränderung, die:

sollte nicht allein aufgrund der Bezeichnung:

„Wildfleisch“

behandelt werden.

Ein solcher Befund sollte fachlich beziehungsweise medizinisch beurteilt werden.

Wie sollte man praktisch vorgehen?

Bei einer als „Wildfleisch“ bezeichneten Veränderung sollte systematisch vorgegangen werden.

1. Befund einordnen

Mögliche Veränderungen sind beispielsweise:

2. Mechanische Faktoren prüfen

3. Pflege und Feuchtigkeit prüfen

4. Infektionszeichen berücksichtigen

5. Anschließend gezielte Behandlung auswählen.

Nicht abschneiden

Eine Gewebeveränderung am Piercing sollte nicht eigenständig:

werden.

Dadurch können entstehen:

Nicht ständig ausdrücken

Auch wiederholtes Drücken oder vermeintliches:

„Entleeren“

ist bei Hypergranulation nicht sinnvoll.

Hypergranulation ist kein:

Flüssigkeitssack, der ausgedrückt werden muss.

Keine aggressive Dauerbehandlung

Eine wiederholte oder langfristige Anwendung stark reizender Mittel kann das Gewebe zusätzlich belasten.

Dazu gehören beispielsweise:

Siehe:

Überpflege – wann wird Pflege zu viel?

Schnellübersicht

Aussage Einordnung
„Wildfleisch“ ist eine genaue medizinische Diagnose nein
häufig ist damit Hypergranulation gemeint ja
jede Beule am Piercing ist Hypergranulation nein
Granulom und Hypergranulation sind dasselbe nein
pyogenes Granulom ist ein klassisches Granulom nein
Keloid und Hypergranulation sind dasselbe nein
mechanische Reizung kann Hypergranulation begünstigen ja
dauerhafte Feuchtigkeit kann Hypergranulation begünstigen ja
Silbernitrat kann bei überschießendem Granulationsgewebe gezielt eingesetzt werden ja
Silbernitrat ist allgemeine Piercingpflege nein
Silbernitrat beseitigt mechanische Ursachen nein
Infektionszeichen müssen bei der Beurteilung berücksichtigt werden ja

Welche Bezeichnung sollte professionell verwendet werden?

In professionellen Unterlagen sollte möglichst nicht ausschließlich der Begriff:

„Wildfleisch“

verwendet werden.

Eine fachlich bessere Formulierung ist beispielsweise:

„Umgangssprachlich wird die Veränderung häufig als Wildfleisch bezeichnet. Dahinter können je nach Befund beispielsweise Hypergranulation, eine Irritationsbeule oder ein pyogenes Granulom stehen.“

Dadurch bleibt die Erklärung für Kunden verständlich, ohne medizinisch unterschiedliche Befunde gleichzusetzen.

Der wichtigste Grundsatz

„Wildfleisch“ ist:

ein umgangssprachlicher Sammelbegriff und keine eindeutige medizinische Diagnose.

Am Piercing können dahinter unterschiedliche Gewebeveränderungen stehen.

Besonders häufig wird damit:

Hypergranulation beziehungsweise überschießendes Granulationsgewebe

bezeichnet.

Daneben kommen unter anderem infrage:

Deshalb gilt:

Erst den Befund und die mögliche Ursache beurteilen – anschließend gezielt behandeln.

Silbernitrat kann bei geeigneter Indikation zur gezielten Behandlung überschießenden Granulationsgewebes eingesetzt werden.

Es sollte jedoch:

nicht pauschal auf jede als „Wildfleisch“ bezeichnete Veränderung angewendet werden.


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