====== Piercingschmuck bei einer bakteriellen Infektion entfernen oder belassen? ====== Bei einer vermuteten oder bestätigten bakteriellen Infektion stellt sich häufig sehr schnell die Frage: **„Muss der Piercingschmuck jetzt heraus?“** Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Ein infiziertes Piercing sollte weder grundsätzlich: **sofort entfernt** noch grundsätzlich: **unter allen Umständen belassen** werden. Entscheidend sind unter anderem: * Art und Schwere der Infektion, * Körperstelle, * vorhandene Schwellung, * Schmucklänge, * Schmuckmaterial, * Einwachsen oder Einschneiden, * Abfluss von Wundsekret oder Eiter, * Vorliegen eines Abszesses, * Beteiligung von Knorpel, * Zustand des umliegenden Gewebes. Die Entscheidung muss deshalb situationsabhängig getroffen werden. ===== Warum wird Piercingschmuck bei einer Infektion häufig vorschnell entfernt? ====== Ein Piercing wird bei einer Infektion schnell als: **„Fremdkörper, der heraus muss“** betrachtet. Diese Überlegung ist grundsätzlich nachvollziehbar. Der Schmuck befindet sich in entzündetem Gewebe und kann beispielsweise durch: * Druck, * Bewegung, * ungeeignete Länge, * schlechte Oberflächenqualität, * falsches Material zusätzlich zur Belastung beitragen. Trotzdem kann eine sofortige Entfernung Nachteile haben. Der Piercingkanal ist kein dauerhaft offener Drainagekanal. Insbesondere bei einem noch nicht vollständig verheilten Piercing kann er sich nach Entfernung des Schmucks: * verengen, * oberflächlich verschließen, * teilweise zusammenziehen. Deshalb muss vor einer Entfernung geprüft werden, welche Auswirkungen ein Verschluss des Stichkanals haben könnte. ===== Der Stichkanal kann sich nach Entfernung schnell verengen ====== Ein Piercingkanal kann sich bereits kurze Zeit nach Entfernung des Schmucks deutlich verengen. Wie schnell dies geschieht, hängt unter anderem ab von: * Alter des Piercings, * Körperstelle, * Heilungszustand, * Gewebetyp, * bestehender Entzündung, * individueller Heilungsreaktion. Bei einem frischen oder noch heilenden Piercing ist eine schnelle Verengung besonders möglich. Das bedeutet: **Nach Entfernung des Schmucks ist nicht garantiert, dass der Kanal offen bleibt.** ===== Warum kann ein Verschluss bei einer Infektion problematisch sein? ====== Bei einer bakteriellen Infektion können sich im Gewebe befinden: * entzündliches Wundsekret, * Eiter, * Zelltrümmer, * Mikroorganismen, * entzündlich verändertes Gewebe. Solange ein Piercingkanal offen ist, kann Sekret möglicherweise über die Stichkanalöffnungen abfließen. Verengt oder verschließt sich die Oberfläche, während tiefer im Gewebe weiterhin eine infizierte Flüssigkeitsansammlung besteht, kann der natürliche Abfluss erschwert werden. Im ungünstigen Fall kann dadurch eine umschlossene Eiteransammlung entstehen oder bestehen bleiben. Eine solche umschlossene Eiteransammlung wird als: **Abszess** bezeichnet. Siehe: [[probleme:abszess|Abszess am Piercing]] ===== Bedeutet das, dass der Schmuck immer drinbleiben muss? ====== Nein. Aus dem möglichen Vorteil eines offenen Stichkanals darf nicht die Regel abgeleitet werden: **„Bei einer Infektion darf Piercingschmuck niemals entfernt werden.“** Es gibt Situationen, in denen der Schmuck selbst zu einem zusätzlichen Problem wird. Eine Entfernung oder ein fachgerechter Schmuckwechsel kann beispielsweise erforderlich sein, wenn: * der Schmuck deutlich zu kurz ist, * der Schmuck in das Gewebe einschneidet, * Schmuckteile in das Gewebe einwachsen, * eine Kugel oder Platte bereits teilweise überwachsen wird, * erheblicher Druck auf entzündetes Gewebe entsteht, * das Schmuckmaterial problematisch ist, * der Schmuck beschädigt oder stark verunreinigt ist, * eine operative Versorgung notwendig wird, * der behandelnde Arzt die Entfernung aus medizinischen Gründen für erforderlich hält. ===== Zu kurzer Schmuck bei einer Infektion ====== Bei einer Infektion kann das Gewebe erheblich anschwellen. War der Schmuck bereits vorher knapp bemessen, kann er dadurch: * Druck erzeugen, * einschneiden, * die Durchblutung des umliegenden Gewebes beeinträchtigen, * zusätzliche mechanische Schäden verursachen, * teilweise oder vollständig einwachsen. In einer solchen Situation ist: **„Schmuck einfach drinlassen“** ebenfalls keine ausreichende Lösung. Unter Umständen muss auf einen geeigneteren, längeren Schmuck gewechselt werden. Bei erheblicher Schwellung oder bereits eingebettetem Schmuck gehört die Situation ärztlich beurteilt. ===== Schmuckwechsel statt vollständiger Entfernung ====== In bestimmten Situationen kann ein fachgerechter Schmuckwechsel sinnvoller sein als eine vollständige Entfernung. Beispielsweise kann ein Wechsel erforderlich sein bei: * zu kurzem Schmuck, * ungeeigneter Form, * ungeeignetem Material, * beschädigter Schmuckoberfläche. Ziel kann dabei sein: * Druck vom Gewebe zu nehmen, * ausreichend Platz für die Schwellung zu schaffen, * unnötige mechanische Belastung zu reduzieren, * den Stichkanal weiterhin offen zu halten. Ein solcher Wechsel sollte bei einem deutlich entzündeten Piercing nicht unnötig zu Hause durchgeführt werden. Jede Manipulation kann: * Schmerzen verursachen, * empfindliches Heilungsgewebe verletzen, * Blutungen auslösen, * zusätzliche Mikroorganismen einbringen. ===== Was ist bei einem Abszess anders? ====== Ein Abszess ist eine umschlossene Eiteransammlung im Gewebe. Bei einem Abszess reicht es häufig nicht aus: * den Schmuck herauszunehmen, * ein Pflegeprodukt aufzutragen, * nur Antibiotika einzunehmen. Eine größere oder behandlungsbedürftige Abszesshöhle muss gegebenenfalls ärztlich eröffnet und entlastet werden. Siehe: [[probleme:abszess|Abszess am Piercing]] Bei Verdacht auf einen Abszess sollte deshalb nicht versucht werden: * ihn auszudrücken, * ihn aufzustechen, * selbst einen Drainageweg herzustellen. ===== Schmuck entfernen und danach ausdrücken? ====== Nein. Das eigenständige Entfernen des Schmucks mit anschließendem: * Drücken, * Quetschen, * Aufstechen, * Sondieren ist keine geeignete Behandlung einer tieferen Infektion oder eines Abszesses. Dadurch können: * zusätzliche Gewebeverletzungen, * Blutungen, * weitere Keimverschleppung entstehen. ===== Besondere Situation bei Knorpelpiercings ====== Infektionen von Knorpelpiercings müssen besonders ernst genommen werden. Betroffen sein können beispielsweise: * Helix, * Forward Helix, * Tragus, * Conch, * Flat, * Rook, * Industrial. Bei einer Perichondritis oder einer tieferen Knorpelinfektion können: * Perichondrium, * Knorpel, * umliegendes Weichgewebe beteiligt sein. Eine Eiteransammlung zwischen Perichondrium und Knorpel kann die Versorgung des Knorpels beeinträchtigen. Mögliche Folgen sind: * Knorpelschädigung, * Nekrose, * bleibende Verformung des Ohres. Siehe: [[probleme:perichondritis|Perichondritis]] [[knorpel:nekrose|Knorpelnekrose]] [[knorpel:pseudomonas|Pseudomonas aeruginosa bei Knorpelpiercings]] Bei einer schweren Knorpelinfektion entscheidet deshalb nicht allein die Frage: **„Soll der Schmuck drinbleiben?“** sondern die notwendige medizinische Behandlung der gesamten Infektion. ===== Warum kann die Empfehlung bei Knorpelinfektionen anders ausfallen? ====== Bei einer komplizierten Knorpelinfektion können beispielsweise erforderlich sein: * mikrobiologische Diagnostik, * systemische Antibiotikatherapie, * Eröffnung eines Abszesses, * Drainage, * Entfernung von nekrotischem Gewebe, * gegebenenfalls Entfernung des Schmucks. Deshalb darf die allgemeine Empfehlung, Schmuck bei einer unkomplizierten lokalen Infektion zunächst nicht eigenmächtig zu entfernen, nicht ungeprüft auf jede schwere Knorpelinfektion übertragen werden. ===== Fremdkörper und Biofilm ====== Piercingschmuck ist ein Fremdkörper im Gewebe. Auf Oberflächen können sich Mikroorganismen anlagern. Unter bestimmten Bedingungen können Mikroorganismen Biofilme bilden. Biofilm kann Mikroorganismen gegenüber: * körpereigener Immunabwehr, * antimikrobiellen Substanzen weniger empfindlich machen. Das bedeutet jedoch nicht: **„Bei jeder Piercinginfektion muss der Schmuck wegen Biofilm entfernt werden.“** Ob der Schmuck für die Fortdauer einer Infektion relevant ist, muss im konkreten Fall beurteilt werden. Mehr dazu: [[mikrobiologie:biofilm|Biofilm bei Piercings]] ===== Wenn Antibiotika verordnet wurden ====== Auch wenn bereits ein Antibiotikum verschrieben wurde, sollte der Schmuck nicht eigenmächtig entfernt werden, ohne die Situation zu berücksichtigen. Gleichzeitig bedeutet ein liegender Schmuck nicht, dass eine Antibiotikatherapie automatisch erfolgreich sein muss. Eine fehlende Besserung kann beispielsweise daran liegen, dass: * das Antibiotikum den verursachenden Erreger nicht ausreichend erfasst, * eine Resistenz besteht, * ein Abszess vorhanden ist, * nekrotisches Gewebe vorhanden ist, * ein mechanisches Schmuckproblem bestehen bleibt, * die ursprüngliche Diagnose nicht zutrifft. Siehe: [[produkte:antibiotika_keine_besserung|Keine Besserung trotz Antibiotikum]] [[produkte:antibiotika_fehleinschaetzung|Wenn das verordnete Antibiotikum nicht zum Erregerspektrum passt]] [[produkte:abstrich_antibiogramm|Abstrich, Kultur und Antibiogramm]] ===== Wann sollte der Schmuck nicht eigenmächtig entfernt werden? ====== Besonders zurückhaltend sollte man mit einer eigenständigen Entfernung sein, wenn: * deutlich Eiter oder Sekret vorhanden ist, * der Stichkanal noch nicht verheilt ist, * eine stärkere Infektion vermutet wird, * eine ausgeprägte Schwellung besteht, * nicht klar ist, ob ein Abszess vorhanden ist, * Knorpel betroffen ist. Dann sollte zunächst geklärt werden: **Muss der Stichkanal offen bleiben, muss der Schmuck gewechselt werden oder ist eine medizinische Entfernung erforderlich?** ===== Wann muss dringend gehandelt werden? ====== Eine zeitnahe oder sofortige ärztliche Untersuchung ist erforderlich bei: * rasch zunehmender Schwellung, * deutlich zunehmender Rötung, * starken oder zunehmenden Schmerzen, * erheblicher Überwärmung, * größerer Eiteransammlung, * Verdacht auf Abszess, * Fieber, * Schüttelfrost, * ausgeprägtem Krankheitsgefühl, * roten Streifen von der Infektionsstelle, * deutlicher Knorpelbeteiligung, * zunehmender Veränderung der Ohrform, * einwachsendem oder vollständig eingebettetem Schmuck. Siehe: [[hilfe:warnzeichen|Warnzeichen – wann ärztlich abklären?]] ===== Piercer oder Arzt? ====== Ein erfahrener Piercer kann insbesondere beurteilen: * Schmucklänge, * Schmuckform, * Winkel, * Material, * mechanische Belastung, * Möglichkeit eines fachgerechten Schmuckwechsels. Ein Piercer kann jedoch keine ärztliche Diagnostik oder Therapie einer schweren bakteriellen Infektion ersetzen. Ein Arzt ist insbesondere zuständig für: * medizinische Diagnose, * Beurteilung tieferer Infektionen, * Abszessdiagnostik, * Antibiotikatherapie, * mikrobiologische Diagnostik, * operative Behandlung. Bei komplizierten Situationen kann eine Zusammenarbeit zwischen: **medizinischer Behandlung und piercingfachlicher Beurteilung** sinnvoll sein. ===== Die wichtigste Regel ====== Bei einer bakteriellen Piercinginfektion gilt nicht: **„Schmuck grundsätzlich raus.“** Aber auch nicht: **„Schmuck grundsätzlich drinlassen.“** Die richtige Frage lautet: **„Welche Lösung ermöglicht in dieser konkreten Situation die sicherste Behandlung der Infektion und verursacht gleichzeitig möglichst wenig zusätzlichen Gewebeschaden?“** Dabei müssen: * Infektion, * Abflussmöglichkeit, * Schmuckpassform, * Schwellung, * Gewebezustand, * Körperstelle gemeinsam beurteilt werden. ---- **Weiterführende Seiten** * [[probleme:infektion|Infektion am Piercing]] * [[probleme:eiter|Eiter am Piercing]] * [[probleme:abszess|Abszess am Piercing]] * [[probleme:perichondritis|Perichondritis]] * [[knorpel:pseudomonas|Pseudomonas aeruginosa bei Knorpelpiercings]] * [[produkte:antibiotika|Antibiotika bei Piercinginfektionen]] * [[produkte:abstrich_antibiogramm|Abstrich, Kultur und Antibiogramm]] * [[produkte:antibiotika_keine_besserung|Keine Besserung trotz Antibiotikum]] * [[mikrobiologie:biofilm|Biofilm bei Piercings]] * [[hilfe:warnzeichen|Warnzeichen – wann ärztlich abklären?]] [[start|← Zurück zur Übersicht]]